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20. August 2020

Kostenloser ÖPNV – Artikel aus dem Gäuboten

Ein Teil der Jugenddelegation macht sich schon seit Längerem Gedanken, inwiefern kostenloser ÖPNV für Jugendliche in Herrenberg umsetzbar ist. Einen Einblick in den aktuellen Stand des Prozesses gibt ein Artikel aus dem Gäuboten vom 20.08.2020:

Grenzen des Möglichen ausloten

Immer wieder taucht das Thema kostenloser ÖPNV in Herrenberg auf. Durchgesetzt hat es sich nie. Nun fordert der Stadtjugendring die kostenlose Mitfahrt im Citybus für Jugendliche. Das soll auf dem Weg, die Verkehrssituation zu
verbessern, aber nur eine Zwischenetappe sein.

Nicht weit von dem Büro, in dem sich die Jugenddelegation des Stadtjugendrings trifft, herrscht
wieder einmal Stau auf der Horber Straße. Er zieht sich bis zum Reinhold-Schick-Platz, der symptomatisch für die verkehrsüberlastete Innenstadt in Herrenberg steht. Geht es nach den Jugendlichen, die seit einigen Wochen zusammen mit Jugendreferent Michael Wolfschläger ein Mobilitätskonzept ausarbeiten, liegt die Lösung für das Problem auf der Hand: attraktiverer öffentlicher Nahverkehr. Und mit attraktiver meinen die Schüler und Studenten vor allem eines: kostenlos

Schon länger wird die Idee im Stadtjugendring diskutiert. Mittlerweile ist das Thema innerhalb der
Jugendlichen so groß geworden, dass dafür eine eigene Delegation mit sieben Mitgliedern gegründet wurde. „Wir stehen noch am Anfang“, sagt Henrik Riester. Neben dem Studenten der Uni
Tübingen sitzen bei der Sitzung an diesem Tag drei weitere Delegierte: Elisabeth Ferch, 14 Jahre alt
und Schülerin der Jerg-Ratgeb-Realschule, Jannis Ahlert, 18 Jahre alt, hat gerade sein Abi auf dem
Andreae-Gymnasium (AGH) gemacht, und Fynn Rubehn, 16 Jahre alt, ebenfalls AGH. Sie alle sind
auf Bus und Bahn angewiesen, sie alle denken derzeit darüber nach, wie man Verwaltung, Gemeinderat und andere Entscheidungsträger vom kostenlosen ÖPNV-Konzept überzeugen könnte.

VVS will kostenlose Lösung für alle nicht unterstützen

Bereits jetzt ist den Jugendlichen bewusst: Ein flächendeckendes, kostenloses Netz ist vor allem
aus kostentechnischen Gründen utopisch. Zumindest noch. „Unmöglich ist es nicht“, sagt Jannis
Ahlert. „Vielleicht wird es das in 20 Jahren geben, aber im Moment ist das unrealistisch.“

Der Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart hätte bereits signalisiert, dass er für eine kostenlose Lösung für
alle nicht zu haben sei. „Der VVS will das nicht unterstützen, weil sie sagen, dass ihnen dadurch
Einnahmen wegbrechen“, sagt Ahlert.
Einerseits nachvollziehbar für die Delegierten, andererseits kommt für die Herrenberger Jugendlichen nicht infrage, die Ticketpreise wieder nur zu reduzieren, wie die Kommune es Anfang 2019 für
das Stadtticket getan hat. „Es geht uns nicht um eine Reduzierung. Wir denken, dass der ÖPNV für
viele erst dann interessant wird, wenn er kostenlos ist“, meint Ahlert.
Als Lösung haben sich die jungen Delegierten nach ihren ersten Sitzungen daher auf eine Zwischenetappe verständigt. Sie fordern, dass die kostenlose Mitfahrt im Citybus, der innerhalb Herrenbergs mit vier Linien fährt und drei Euro kostet, erst einmal für Jugendliche ermöglicht wird.
Das würde eingeschränkt zum Beispiel für Fahrten ab 18 Uhr oder nur für Samstage gelten. Letzteres wird bereits seit 2018 für alle Fahrgäste in Tübingen praktiziert.

Gespräche dafür will die Delegation nun in einem nächsten Schritt mit den Stadtwerken anstoßen,
die den Citybus betreiben. „Wir müssen schauen, was machbar ist“, drückt sich Riester vorsichtig
aus. Bisher hatten die Jugendlichen nur E-Mail-Kontakt mit den Verantwortlichen. In einem persönlichen Gespräch wollen sie nun die Grenzen des Möglichen ausloten.
Klar ist für die Schüler und Studenten, dass der Bedarf in der Bevölkerung vorhanden wäre. Als
nächsten Schritt könne die kostenlose Mitfahrt beispielsweise für Senioren ermöglicht werden.
„Wenn ich für ein paar Kilometer drei Euro für den Bus zahlen muss, nehme ich vielleicht doch das
Auto, für das ich umgerechnet um die 30 Cent zahlen muss“, sagt Ahlert. Es müssten ökonomische
Reize geschaffen werden. Hinzu komme, dass nicht nur der Preis entscheidend sei, sondern auch
die Verfügbarkeit und Taktung der Busse, die ebenfalls verbessert werden müsse.

Das Thema kostenloser ÖPNV ist nicht neu in Herrenberg. Es tauchte bereits 2016 auf, als die SPD Gemeinderatsfraktion dazu einen Antrag für das gesamte Stadtgebiet gestellt hatte, um dem motorisierten Individualverkehr in der Innenstadt entgegenzuwirken. Zwei Jahre später tauchte es
dann erneut auf, als die Bundesregierung Herrenberg neben vier weiteren Kommunen zur Modellstadt für ein kostenloses ÖPNV-Projekt erkor. Die Vorhaben scheiterten letztlich immer aus Kostengründen.
Geht es nach der siebenköpfigen Delegation des Stadtjugendrings, führt in Zukunft aber kein Weg
an solchen Überlegungen vorbei. „Mobilität ist der Dauerbrenner und Verkehrsentlastung ein großes Thema“, sagt Riester. Die Stadt müsse da ran, das habe auch das Klimakonzept des Landkreises Böblingen aus dem Jahr 2013 deutlich unterstrichen. Die Jugendlichen wollen ihren Beitrag dazu
leisten. Zum Herbst, wenn der Klimafahrplan der Stadt stehen sollte, möchten sie der Verwaltung
und dem Gemeinderat ihr Konzept für kostenlosen ÖPNV vorstellen.
Mit Gegenwind rechnet die Delegation allemal. Aber damit hätte der Stadtjugendring bereits Erfahrungen. „Das hat es schon gegeben, als es um die Öffnung des alten Freibads ging“, sagt Riester. Einen Kompromiss zu finden, auch mit den Leuten, die in ihr Auto verharrt sind, sei ihr Ziel.
Letzten Endes gehe es beim Umweltschutz in erster Linie ja um die Generation der heute Heranwachsenden. „Wir werden von den Folgen viel stärker betroffen sein“, sagt Ahlert.

(Gäubote, 20.08.20, Berkan Cakir; Bild: Berkan Cakir)

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